die haustür
Zum ersten mal in ihrem leben hatte sie das gefühl zu wissen wonach sie so lange gesucht hat. Eigentlich war dies einer der momente, in dem sie am wenigsten nach dem unbekannten fragte. vielleicht machte aber gerade dieser augenblick die lösung so einfach. Über all die jahre hinweg merkte sie, dass ihr etwas fehlte, irgendwas an ihr, etwas in ihr. Ein gefühl der unvollkommenheit. Nur ein kleines detail schien zu fehlen. was es war blieb ein fragezeichen, aber sie wusste, dass es von ungeheurer wichitgkeit war. Und nun waren es harmlose erinnerungen an ihre kindheit, die ihr tränen über ihre rosigen und glühenden wagen jagten. Sie dachte an ihre letzten gesprächsfetzen und worte. Sie sprach über die farbe der haustüre, die vom großen innenhof, in dem sie so gern spielte, ins treppenhaus führte. Eben diese türe schien dann am ende ihre gedankenreise die tür zur erkenntnis zu werden. Sie musste sich ziemlich anstrengen um sich an die tür erinnern zu können. Es war erstaunlich wie sehr die erinnerung an manche dinge in 12 jahren verblasste. Die haustür war silbrig und hatte 2 größere glaselemente. Der knauf war sehr gewöhnlich. Was hinter den folgenden türen war, war aber nicht gewöhnlich. Denn dort verbarg sich ihr leben und ihre geschichte.
Das gefließte treppenhaus war kalt und sehr alt. Die vielen mosaiksteine im boden brannten sich in ihr gedächtnis. Geradewegs konnte sie durch zwei weitere türen zur straße hin laufen. Nach links führte eine alte vom zigarettenrauch stark vergilbte holztüre in eine kleinen gastraum. Scharf links befanden sich die braunen holztreppen zu den anderen wohnungen des hauses. Am ende des kleinen korridors öffnete sich rechts die tür zu den schlafzimmern, sie war beige, alt und auch leicht vergilbt. Über einen hohen kurzen flur, an dessen decke eine lampe mit viel zu schwacher glühbirne flimmerte. vorbei an getränkekisten und besen gelangte sie in ihr zimmer. Es war zwar ihres, aber es fühlte sich nicht so an. Der raum war recht groß. Er war zweigeteilt, die eine hälfte „gehörte“ ihr, die andere wurde anderweitig genutzt. Links hin zur straße und den großen bunten fenstern lag ihr reich. Große schwere vorhänge trennten die beiden räume. Die graue holztür zum flur ging nicht ganz zu. Damit sie zumindest ein wenig allein sein und spielen konnte, stellte sie hinter die angelehnte türe einige der getränkekisten. Sie mussten schwer sein, damit die tür nicht wieder aufgeht. Mit ihren kleinen schmalen armen wuchtete und zog sie die cola-kisten an den spalt. Direkt neben dem eingang stand links an der wand ein braunes klavier. Sie konnte nicht spielen, es war nur ein überbleibsel ihrer oma. Außerdem war es vor ewig langer zeit zuletzt gestimmt worden. Wahrscheinlich hätte die aufbereitung so viel wie ein neues gekostet. Gegenüber stand ein großer runder tisch mit stühlen, die grade frisch aufgepolstert wurden. Es waren teile der alten wohn- und esszimmereinrichtung ihrer großmutter. Sie war für den tisch viel zu klein, musste auf die stühle klettern und konnte ihn kaum nutzen. So verbrachte sie die meiste zeit auf dem grauen teppisch-fussboden.
An der selben wand wie der tisch standen noch drei großen holzschränke, deren beste zeiten sich sicher bis ans ende der 60er jahre erstreckten. Der obere teil des einen schrankes war eine art vitrine. Unten befanden sich bei allen dreien kleine türen. Die schlüssel zum verschließen waren längst verloren und sie schlossen nur wenn sie ein exakt gefaltetes stück papier unter die türen schob. Der zweite schrank war eine art sekretär, für den sie auch wiederum zu klein war. Der letzte schrank besaß einen regalaufsatz. An der anderen wand waren noch regale und die couch, auf der sie nachts schlief da man sie auch ausklappen konnte. Groß und weiss, eigentlich war sie sehr schön. doch das weiße leder wirkte kalt, genauso kalt wie der rest des raumes mit seiner grauen tapete, dem grauen teppich, den zusammengewürfelten möbeln. Durch die größe verlor sich jegliche wärme im raum. Die fenster zu straße hin waren farbig. Das farbenspiel wiederholte sich. rot, gelb, blau & grün. Die fenster waren sehr groß und schwer, alleine konnte sie sie nur schwer öffnen und so sah sie die straße & menschen immer in bunt und leicht unscharf. Früher war das ganze zimmer ein großer verkaufsraum einer bäckerei, jetzt sollte es ihres sein. Es war aber nicht wirklich ihr kinderzimmer. Es war nicht ihr platz.
12 jahre später war alles gleich geblieben. Bis heute hatte sich nichts geändert. Die wohnung in der sich sich jetzt wiederfand, war zwar eine andere, aber die situation die gleiche. Rein gar nichts hatte sich geändert. Das erkannte sie in diesem augenblick. Sie erschrak. vorsichtig wischte sie einige tränen weg, die ihren nasenflügel entlang liefen. sie schämte sich für ihre tränen, ihre situation, den augenblick und ihre gedanken.. Sie sah sich zaghaft um. Blickte auf den platz, welcher jetzt ihrer war. Vor ihr stand ein glastisch, die couch war nun schwarz, aber immer noch aus leder. Sie blickte auf einen provisorischen nachttisch, der aus einem hocker bestand, auf dem sie ihre bürste, taschentücher und gute-nacht-lektüren hinlegte. Der schreibtisch neben der couch war zu klein um ihn effektiv nutzen zu können. Einige kisten, bücher und kleidungsstücke lagen umher. Sie betrachtete alles langsam und genau. Sie lies es auf sich wirken. Es war nicht unaufgeräumt. Nur, hatten die dinge einfach nichts ihren platz. Genauso wie sie keinen hatte. Auch heute war es nicht ihre wohnung, so wie es vor 12 jahren auch nicht ihr zimmer war. Wieder waren es nicht ihre möbel. Was hatte sie denn schon? Ironischerweise hatte sie doch was. Einen kleiderschrank, der sich früher neben dem großen tisch eingefunden hatte. Er war aus buche und hatte drei türen. Als sie 10 jahre alt war kaufte sie ihn sich von ihrem kommunionsgeld. Diesen hatte sie immer noch. Doch auch der hatte hier in der wohnung keinen platz. Er stand noch nichtmal im gleichen raum. Er stand in einem raum, in dem sonst nichts von ihr war. Außer einer kiste, die sich auf dem schrank befand. Mittlerweile hatte der spiegel in der mitte des schranks einige kratzer, auch waren die seiten verbeult und an der winzigen schublade blätterte der silberne lack ab. Sie fragte sich was sie alles besaß. Sie war kein materieller mensch. Auch wenn es vielleicht jetzt so klingen mag. Sie besaß also diesen schrank, einige kisten mit büchern, cds, taschen, einige decken und ihr gemütliches kissen. Dazu gehörten noch zwei lampen, die sie vor einigen jahren im ikea für 4,99 erstanden hatte. Sonst hatte sie nichts. Nicht einmal einen platz für die lampen.
Sie riss einige weitere taschentücher aus der box vom hocker und putzte sich die rot gewordene nase. Immer wenn sie weinte, wurde ihre nase glutrot. Sie ähnelte einer clownsnase. Auch ihr gesicht glühte, während ihre arme zitterten. Leise seufzte sie, schnappte nach luft und versuchte vergebens das schluchzen zu unterdrücken. Wäre sie nun vor die türe gegangen hätte jeder ihr angesehen, was unmittelbar zuvor geschehen war. Auch wenn die umstände unbekannt geblieben wären, hätte gewusst, dass sie tränen vergossen hat. Und der grund dafür war eine haustür & ein zimmer. Wegen einem zimmer weinen? Das klang so banal. Noch war sich nur halb sicher was dieser gefühlsausbruch bedeutete. Sie wollte doch immer nur ein kinderzimmer murmelte sie leise vor sich hin. Sie fühlte sich plötzlich sehr winzig und alleine. Sie war auch gerne alleine. Brauchte die zeit für sich. Ihre mitmenschen empfand sie meist als anstrengend. Dennoch empfand sie augeblicklich nur einsamkeit. Ihr ward kalt. niemand brauchte sie und die menschen, die sie hatte, verstanden sie nicht. Es gab keinen platz für sie. Das wars. Es gab einfach keinen platz. Leise knirschte das leder der couch, in die sie sich noch tiefer hineindrückte als wolle sie in ihr verschwinden. Als sie erkannte das ihr platz eigentlich nicht vorhanden war, schrumpfte sie gefühlte 2 meter in die erde. So als wäre sie nicht mehr da. Wieso auch? Tränen kullerten weiter über ihr gesicht.
Ein harmloses gespräch über die kindheit und die haustüre, wurde mit einem mal zu einem schlüssel, einer tür zu sich selbst. Sie begann sich zu erkennen. Sie war ein sehr anstrengender mensch. Stark und gleichzeititg sehr emotional. Unnahbar für die meisten. Sie hatte eine schutzmauer um sich errichtet, durch die nur wenige drangen. Endlich konnte sie das gefühl, dass irgendwie alles verkorkst sei, verstehen. Sie begriff warum sie immer dachte es fehle etwas entscheidendes in ihrem leben. Sie fühlte sich stehts getrieben nach dem entscheidenden teil zu suchen. Jahrelang dachte sie drüber nach, einen therapeuten aufzusuchen. Eine gesprächstherapie zu beginnen. Sie hätte die suche vielleicht verkürzen können. Doch jetzt kam die antwort aus ihr selbst. Sie sah sich zum ersten mal in ihrem leben ganz klar.
Eigentlich lebte sie bis dahin ein recht normales leben. Sie machte ein gutes abitur und begann zu arbeiten. Aber vor allem in den letzten drei jahren machte sie die suche nach dem was ihr fehlte beinahe verrückt. Es beeinträchtigte so ziemlich alles in ihrem leben. Es blockierte & lähmte. Die gedanken steuerten sie in eine richtung, die nicht wirklich frei gewählt war. Sie wollte nicht länger die marionette ihrer vergangenheit sein, Sie musste ihren platz suchen. Es ging um ihren platz im leben.



